Rechtzeitig zum deutschen TV-Start von
ALIAS erscheint bei der vgs, der Marktführerin für TV-Bücher
im deutschsprachigen Raum, der erste Roman zur Serie. Nachdem es
unter www.vgs.de
bereits das erste Kapitel als Vorgeschmack zu lesen gibt, finden
Sie jetzt bei uns exklusiv das zweite Kapitel:
"Ich behaupte ja nicht, dass es der beste Arbeitsplatz der
Welt ist, aber so schlimm ist's da auch nicht. Ich meine, manche
Gäste sind schon ziemlich kotzbrockig, oder schwer von Begriff,
oder sie fragen nach idiotischen Sachen wie 'Truthahn-Sandwich ohne
Brot' oder so. Aber wirklich, so schlecht ist es auch wieder nicht",
plapperte Francie ohne Punkt und Komma, als sie Mittwochnachmittag
durch das überfüllte Parkhaus in Downtown kurvten und
nach einem freien Einstellplatz suchten.
"Ist ja schon gut, Fran", sagte Sydney, während sie
einparkten. "Warum bist du denn so nervös."
Francie zuckte die Achseln. Auf ihrer linken Schulter hob und senkte
sich eine dicke Strähne ihres langen, gekräuselten Haares.
"Ich weiß nicht. Vielleicht, weil das alles meine Idee
war. Ich würde mich verantwortlich fühlen, wenn du die
Arbeit am Ende hassen würdest."
Sydney stellte den Motor ab. "Hey, du hast mich schließlich
nicht dazu gezwungen. Im Gegenteil, du hilfst mir aus der Patsche.
Und das weiß ich wirklich sehr zu schätzen."
"Okay", meinte Francie und hob die Augenbrauen. "Aber
wenn dir der Job nicht gefallen sollte, musst du mir versprechen,
dass du ihn nicht
mir zuliebe weitermachst, ja?"
"Versprochen", erwiderte Sydney. Angesichts der Tatsache,
dass sie keine Erfahrung im Service vorzuweisen hatte, fühlte
sie sich bei der Sache alles andere als wohl. Aber andererseits
fing jeder ja mal irgendwo an. "Tatsächlich hab ich nicht
gerade die freie Job-Auswahl."
Sie stiegen aus dem Wagen, und Sydney verriegelte die Tür ihres
brandneuen weißen Ford Mustang. Ein Geschenk ihres Vaters
zum Studienbeginn. Ohne fahrbaren Untersatz hatte man an der UCLA
so gut wie kein Leben, und ohne die Hilfe ihres Vaters, würde
sie jetzt vermutlich eine Schrottkarre von einem "Autohaus"
namens "Höker-Heinis unverwüstliche Gebrauchtwagen"
fahren. Und dennoch war ihr unwohl bei dem Gedanken, ein solch großzügiges
Geschenk angenommen zu haben. Jedes Mal, wenn sie das Auto ansah,
musste sie an ihn denken, etwas, das sie sich freiwillig nicht allzu
oft erlaubte. Insofern stellte das Auto ein unübersehbare Erinnerung
daran dar, wie sehr ihr Vater ihr Leben noch immer kontrollierte
– zumindest in finanzieller Hinsicht. Umso wichtiger, dass
sie schnellstens einen Job fand.
Sie überquerten die Straße und steuerten auf ein flaches,
quadratisches Gebäude mit einer grünweiß gestreiften
Markise zu. Auf dem Holzschild über dem Eingang stand in geschwungenen
roten Lettern: Les Amis Café.
Als sie durch den Haupteingang traten, atmete Sydney tief ein und
schloss die Augen. "Mmmmmm. Gott sei Dank muss ich mich nicht
mehr allein von dem Fraß im Wohnheim ernähren. Ich schwöre,
ich wäre schon verhungert, wenn du nicht ab und zu was von
der Arbeit mitbringen würdest. Riech mal!"
"Ich weiß. Hier gibt's die besten Blintzes und Erdbeerkäsekuchen
der Stadt", bemerkte Francie mit einem Lächeln.
"Moment mal! Mir hast du nie Käsekuchen mitgebracht."
"Na ja", Francie verzog schuldbewusst das Gesicht. "Im
Grunde schon, aber er hat's nie bis nach Hause geschafft."
"Francine!" ertönte da die Stimme eines Mannes aus
dem hinteren Bereich des
Cafés, in dem die Küche und
die Büros untergebracht waren. Als der Typ näher kam,
konnte Sydney nicht umhin zu denken, dass er aussah wie ein zu groß
geratenes Frettchen mit seiner knochigen Statur, dem hageren Gesicht,
der langen, schmalen Nase und den winzigen braunen Knopfaugen.
Er trat auf Francie zu und tippte dabei auf das Glas seiner Armbanduhr.
"Dreieinhalb Minuten zu spät, Francine." Dann lachte
er bitter auf. "Aber wen interessiert das schon, nicht wahr?"
"Sorry, Mr. Terwilliger. Es war 'ne Menge los in der Stadt;
viel Verkehr, viele Staus", erklärte Francie rasch, und
als sie sein falsches Lächeln bemerkte, fügte sie hinzu:
"Das ist meine Freundin Sydney. Ich hatte Ihnen von ihr am
Telefon erzählt, Sie erinnern sich?"
Sydney trat einen Schritt vor und streckte dem Mann artig ihre Hand
entgegen. "Guten Tag, ich bin Sydney Bristow."
Eifrig ergriff Mr. Terwilliger ihre Rechte und schüttelte sie
heftig auf und ab, auf und ab, auf und ab ... "Ja, ja, hallo.
Sydney, richtig? Sehr nett, Sie kennen zu lernen. Ja."
Sydney hoffte, dass man ihr die Abscheu nicht ansah, als Mr. Terwilliger
seine schlaffe, feuchte Begrüßung über Gebühr
in die Länge zog. Jetzt verstand sie, warum sich Francie seit
Wochen über ihren Boss beklagte und ihn ein ausgemachtes Arschloch
nannte. Tatsächlich hatte Sydney noch nie einen unangenehmeren
Zeitgenossen getroffen. Endlich ließ er ihre Hand los und
deutete auf eine nahe gelegene Tür.
"Nun, warum besprechen wir nicht alles weitere im Büro?",
sagte er. "Sie müssen da noch ein paar Formulare ausfüllen."
"Ich fang dann mal mit meiner Schicht an", sagte Francie
mit einem aufmunternden Lächeln zu Sydney. "Komm zu mir,
wenn du damit fertig bist."
Sydney betrat das spärlich möblierte, holzvertäfelte
Büro und wischte sich dabei verstohlen die Hände an ihrem
Leinenshirt ab. Dann nahm sie in einem quietschenden roten Vinylledersessel
Platz, während sich Mr. Terwilliger in seinen Bürostuhl
hinter dem Schreibtisch plumpsen ließ.
"Dann wollen wir mal", sagte er und schob ihr einen Kugelschreiber
sowie einen beidseitig bedruckten Bewerbungsfragebogen herüber.
Als sie sich über das Blatt beugte und begann, das Formular
auszufüllen, hätte sie eigentlich erwartet, dass Mr. Terwilliger
sich nun empfahl, um erst dann
wiederzukommen, wenn sie damit fertig war.
Stattdessen blieb er einfach sitzen, schwang in seinem Bürosessel
vor und zurück und tippte dazu im Takt mit seinem Kugelschreiber
gegen die Tischplatte.
Sydney versuchte, ihn zu ignorieren und sich, so gut es ging, auf
die Fragen vor sich zu konzentrieren. Gott sei Dank brauchte sie
nicht lange. Den einzigen Job, den sie vorzuweisen hatte, war eine
Horror-Nacht als Babysitter bei den drei Kindern ihrer Nachbarn.
"Dann wollen wir mal sehen", murmelte Terwilliger, als
sie ihm das Formular zurückschob. "Ausgezeichnete Schulabschlüsse.
Ja. Unter den Besten der National-Merit-Anwärter. Sehr schön.
Stipendium ..." Er verstummte, seine Züge erschlafften,
als er den Rest des Fragebogens überflog. Endlich legte er
das Formular beiseite und verschränkte die Finger vor seiner
Brust. "Sehe ich das richtig? Sie hatten bis jetzt noch keine
Position in der Gastronomie inne?" Er betonte das Wort "Gastronomie",
als handele es sich hierbei um etwas so Bedeutungsvolles wie eine
Heilmethode gegen den Krebs.
"Ähm, nein", erwiderte Sydney. In ihrem Ohren begann
es zu rauschen. "Aber ich hab mal Süßigkeiten im
Rahmen einer Spendenaktion meiner Schule verkauft", fügte
sie mit einem hoffnungsvollen Lächeln hinzu. Unnötig ihm
zu erzählen, dass sie nur zwei Schokoriegel losgeworden war
– an sich selbst. "Und ich hab an der Highschool auch
ein bisschen Theater gespielt, insofern hab ich also keine Probleme
mit kritischen Menschen. Und dann bin ich noch Mitglied des Bruins-Track-Laufteams
was beweist, dass ich über Koordinationsvermögen verfüge,
richtig?" Sie würde nicht müde, ihr Gegenüber
enthusiastisch anzugrinsen, wenngleich sie sich im Geiste auf ein
"Danke-aber-nein-Danke" gefasst machte.
"Verstehe. Ja." Mr. Terwilliger entknotete seine Finger
und nickte langsam. Wieder vertiefte er sich in ihren Bewerbungsbogen,
sah schließlich auf und lächelte. "Nun, Sydney",
sagte er. "Ich denke, wir können Sie in unserem Team gebrauchen."
Fassungslos starrte sie in seine hinterlistigen Nagetieräuglein.
"Sie meinen, ich habe den Job?"
"Genauer gesagt können Sie schon heute anfangen. Wir sind
personell ein wenig
unterbesetzt."
"Heute?" wiederholte sie und blinzelte hektisch. Hatte
er ihr den Job soeben wirklich angeboten? Hatte Francie ihn womöglich
bestochen oder so?
Mr. Terwilliger erhob sich und durchmaß sein Büro. "Wir
haben da noch ein paar Ersatzarbeitsuniformen im Lagerraum. Keine
Sorge, die sollten gereinigt sein. Ich möchte, dass Sie sich
zunächst von Francie einweisen lassen. Nach ein paar Stunden
können Sie dann selbständig arbeiten."
"Das klingt toll", rief Sydney, und ihre Wangen röteten
sich vor Freude. Sicher, es war nur ein Kellnerinnen-Job, aber die
Tatsache, dass jemand sie einer Anstellung für Wert befunden
hatte, dass jemand (und wenn es auch nur ein menschliches Frettchen
war) es mit ihr versuchen wollte, erfüllte sie mit einem unerwarteten
Gefühl von Stolz. Dem Herr sei Dank für Francie.
Sydney setzte sich in Bewegung und schüttelte ihrem neuen Boss
das klamme Händchen. "Danke. Vielen Dank."
Mr. Terwilliger öffnete die Bürotür und deutete in
den Gastraum. "Sie haben vielleicht nicht besonders viel Berufserfahrung,
aber ich hab ein gutes Gefühl, was Sie betrifft, Sydney. Ich
denke, schon bald werden Sie feststellen, dass Sie für diesen
Job wie geschaffen sind."
Fünf Stunden später versteckte sich Sydney hinter
dem gigantischen, stählernen Kaffeeautomaten des Restaurants.
"Wie schaffst du das nur, Fran?", wisperte sie ihrer Freundin
und Kollegin zu, wobei sie sich die schmerzenden Füße
massierte. Obwohl Francie überaus geduldig und hilfsbereit
gewesen war und Mr. Terwilliger sie vom Stand weg engagiert hatte,
beschlich Sydney langsam, aber sicher das Gefühl, dass sie
für diesen Job mitnichten wie geschaffen war.
"Nun", begann Francie, "ich trage für diese
Arbeit zum Beispiel keine Stöckelschuhe." Sie musterte
ihr Spiegelbild in der glänzenden Metallverkleidung der Kaffeemaschine
und zupfte ihren Pferdeschwanz und den Kragen ihrer pinkfarbenen
Pepto-Bismol-Uniform zurecht. "Du musst dir unbedingt ein paar
bequeme Schuhe zulegen."
"Hey, ich hatte mich für ein Bewerbungsgespräch angezogen,
Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich unmittelbar danach schon mit
der Arbeit beginnen würde", gab Sydney zurück und
wechselte von einem Bein aufs andere.
"Außerdem hab ich das nicht gemeint. Was ich wissen wollte,
war, fühlst du dich niemals –" Sie rang um die rechten
Worte.
"Megagestresst?", beendete Francie den Satz für sie.
"Klar, die ganze Zeit. Aber keine Sorge, Sydney, du machst
dich prima. Man braucht 'ne Weile, um seine Beine in den Griff zu
kriegen, aber danach läuft's dann, als ob du 'nen Autopilot
eingeschaltet hättest." Sie klopfte Sydney aufmunternd
auf die Schulter und kümmerte sich dann wieder um die korrekte
Dosierung des kolumbianischen Kaffeepulvers.
Es ist nur ein Job, dachte Sydney, als sie wieder in ihre Schuhe
schlüpfte. Eine Chance, mich von Dad unabhängig zu machen,
mich finanziell auf eigene Füße zu stellen. Falls meine
Füße diesen ersten Arbeitstag überstehen ...
"Ist der Kaffee bald mal fertig?", blaffte ein Mann von
einem nahe gelegenen Tisch in ihre Richtung.
"Kommt sofort, Sir", rief Francie zurück und lächelte
ihn höflich an. Dann beugte sie sich zu Sydney herüber
und murmelte: "Mir scheint, der Typ sollte langsam mal zu Kaffee
Hag wechseln, was meinst du?"
"Allerdings", bestätigte Sydney, und Bewunderung
schwang in ihrer Stimme mit.
Sah man Francie zu, dann erschien der Job fast wie ein riesengroßer
Spaß. Tatsächlich hatte Sydney in den letzten Stunden
eine gehörige Portion Respekt vor ihrer Freundin gewonnen.
Francie witzelte mit den Gästen herum und lauschte deren Geschichten
mit ehrlichem Interesse. Sie kannte sogar einige der Stammbesucher
beim Namen. In den ersten beiden Stunden war Sydney ihr nicht
von der Seite gewichen und hatte gelernt, wie man den normalen vom
entkoffeinierten Kaffee unterschied (rote beziehungsweise blaue
Dose!), wie man Bestellungen so notierte, dass der Koch sie auch
lesen konnte, und wie man die grünen Stoffservietten korrekt
faltete. Sie hatte sich sogar den typischen Singsang angewöhnt,
mit dem Francie ihre Begrüßung unterlegte: "Hallo,
ich heiße Sydney, und ich bin ihre persönliche Bedienung.
Könnte ich Sie vielleicht für einen unserer preisgekrönten
Appetizer erwärmen?" Doch irgendwie fiel es ihr schwer,
Francies unerschütterliche gute Laune an den Tag zu legen.
"Und? Wie macht sich unsere Neue?"
Sydneys Kopf ruckte herum, und ihr Blick fiel auf ihre Kollegin
Robyn, eine magere Rothaarige mit schwerem texanischen Akzent. Sie
schob eine Bestellung in die Durchreiche zur Küche. "Wette,
du stehst kurz vor 'nem Kollaps, richtig?"
"Sie schlägt sich tapfer, nicht wahr, Syd?", fragte
Francie und stieß Sydney mit dem Ellbogen an. "In den
letzten Stunden hat sie die vorderen Tische ganz allein geschmissen.
Sie ist ein Naturtalent."
"Ist das wahr?", fragte Robyn, während sie einige
Gläser mit Mineralwasser auf ihr Tablett lud. "Waren denn
alle nett zu dir?"
Sydney nickte. "Im Großen und Ganzen, ja."
"Also, wenn dir mal so richtig langweilig ist, mach es einfach
so wie ich." Sie hob das Tablett über ihren Kopf und wandte
sich wieder dem Gastraum zu. "Versuch einfach zu erraten, was
die Leute bestellen, noch bevor sie's dir gesagt haben. Ist nicht
ganz wie 'Glücksrad', aber es hilft." Sie drehte sich
um und ging davon.
"Danke, werd's versuchen", rief Sydney ihr hinterher.
Dann nahm sie ihr eigenes Tablett wieder auf und lächelte Francie
zu. "Nun, dann
werde ich mich mal wieder an die Arbeit machen."
"Nur noch drei Stunden", sagt Francie und nickte zuversichtlich.
Sydney ging zurück in den ihr zugewiesenen Bereich, bereit
für einen neuen Anlauf. Sie schaffte es tatsächlich, das
Hämmern in ihren Füßen zu ignorieren, als sie einem
Mann an der Bar einen weiteren Kaffee einschenkte, organisierte
einen sauberen Hochsitz für das zappelige Kleinkind eines jungen
Paares und trug das angeblich verkochte Fischgericht eines Gastes
wieder zurück in die Küche.
Gerade als sie sich für eine weitere Pause hinter die riesige
Kaffeemaschine zurückziehen wollte, schwang die Eingangstür
auf, und die Silhouette eines Mannes vor der untergehenden Sonne
erschien auf der Schwelle. Er steuerte direkt auf eine der Sitznischen
im vorderen Bereich zu, für die Sydney zuständig war.
Sie sah ihn aufmerksam an und versuchte, sich Robyns Rat zu Herzen
zu nehmen. Was mochte er wohl bestellen? Der Mann war knochig gebaut,
hatte lichtes, blondes Haar und ein breites, pockennarbiges Gesicht.
Mit Sicherheit einer dieser Fleisch-und-Kartoffel-Kandidaten, vermutete
sie. Und anschließend wird er alles mit einem kalten Bier
runterspülen wollen.
Als Sydney auf ihn zutrat, hob der Mann den Kopf und starrte sie
aus wässrigen blauen Augen an. Als sie ein Glas Wasser vor
ihm abstellte und die Karte daneben legte, taxierte er sie unverhohlen
von oben bis unten.
"Hallo, ich heiße Sydney, und ich bin ihre persönliche
Bedienung. Könnte ich Sie vielleicht für einen unserer
preisgekrönten Appetizer erwärmen?"
"Klar", sein Blick wanderte über ihren Körper,
"für so einen Appetizer lasse ich mich gern erwärmen,
Puppe." Er lächelte anzüglich.
"Vielleicht einige heiße –" fuhr sie mit gepresster
Stimme fort.
"Sicher, ich steh auf heiße Sachen."
"- Shrimp-Quesadillas?"
"Ich sag dir was, Cindy." Er schlug die Menükarte
zu, lehnte sich ein wenig zu ihr
vor und senkte seine Stimme. "Warum bringst du mir nicht erst
mal 'nen Kaffee, und dann besprechen wir, was ich will."
Sydneys Wangenmuskeln schmerzten unter dem erzwungenen Dauerlächeln.
"Wie Sie meinen, Sir", erwiderte sie schnell und marschierte
zurück zur Theke.
"Entschuldigt, Leute, aber wie sauer – ich meine, auf
einer Skala von eins bis zehn – würde Mr. Terwilliger
werden, wenn ich einem seiner Gäste ein Glas Eiswasser in den
Schoß kippen würde?"
"Was? Von wem redest du?", fragte Francie, während
ihr Blick über die Tische flog.
"Von dem Penner da drüben in der Ecke."
Francie und Robyn verrenkten sich fast die Hälse, und dann
rissen sie im gleichen Moment fassungslos die Augen auf.
"Ach du liebe Güte", sagte Francie und schüttelte
den Kopf. "Diesen Typen kenne ich; der ist echt übel.
Süße, tut mir Leid, wenn ich ihn hätte reinkommen
sehen, hätte ich den für dich übernommen."
"Armes Kind", murmelte Robyn. "Unglaublich, dass
du schon an deinem ersten Tag an dieses Arschloch geraten musst."
"Ich kennt ihn also?"
"Leider, ja", erwiderte Francie und verdrehte die Augen.
"Er kommt oft hierher. Schlägt dann meist bis zu einem
halben Tag Wurzeln an einem der Tische und schikaniert die Bedienung.
Als ob er daraus irgendwie seine Daseinsberechtigung zieht."
"Habt ihr Terwilliger davon erzählt?"
Robyn schnaubte verächtlich. "Das kannst du vergessen.
Zum einen hat unser lieber Boss wahrscheinlich viel zu viel Schiss,
um sich mit diesem Typen anzulegen, zum anderen macht der Idiot
am Ende immer 'ne dicke Rechnung.
Und nur daran ist Terwilliger wirklich interessiert."
"Soll ich ihn übernehmen?", fragte Francie und machte
Anstalten, auf den Mann zuzugehen. "Ich kenne diesen Blödmann
immerhin zur Genüge."
"Nein!" Sydney packte sie am Arm und zog sie zurück.
"Das wäre nicht fair. Ich hab gerade mal ein paar Sitznischen
und ein paar Leute an der Bar zu bedienen, während jede von
euch fast das halbe Restaurant betreuen muss."
In diesem Moment krakeelte eine Stimme durch den Raum. "Hey,
Cindy! Ich wollte den Kaffee sofort, Puppe, nicht erst Weihnachten!"
Francie und Robyn bedachten Sydney mit einem mitfühlenden Blick.
"Keine Sorge", sagte diese, während sie eine große,
braune Tasse mit Kaffee füllte. "Ich komm schon klar mit
ihm."
Sie zauberte ein freundliches, und wie sie hoffte, nicht zu freundliches
Lächeln auf ihr Gesicht, und ging wieder zurück an den
Tisch des Rüpels. "Bitte schön." Sie setzte
die Tasse vor ihm ab. "Was kann ich sonst noch für Sie
tun?", fragte sie und zückte ihren Bestellblock.
Der Mann blinzelte ihr zu. "Wie wär's mit deiner Telefonnummer
für den Anfang?"
Sie umklammerte den Notizblock ein wenig fester und holte tief Luft.
"Wie wäre es mit einer unserer hausgemachten Suppen?",
schlug sie vor. Ruhig bleiben, beschwor
sie sich, vergiss nie, dass du nicht gut genug bezahlt wirst, um
dich mit diesem Abschaum rumzuärgern. "Wir haben Kartoffeleintopf,
Hühnersuppe, Gazpacho -"
"Wie wär's mit ein paar knackigen Schenkeln", unterbrach
er sie mit einem schmierigen Lächeln. "Was ich damit sagen
will, ich nehme die Honig-Barbecue-Hähnchenschenkel. Und zieh
am Draht, Puppe. Bin schließlich ein guter Kunde hier."
Einfach grinsen und Maul halten, sagte sie sich, als sie den Bestellzettel
in die Küchendurchreiche schob. Ignoriere den Typen und seine
widerlichen Bemerkungen und mach deinen Job.
Als das Essen fertig war, belud Sydney ihr Tablett, holte tief Luft
und ging zurück an den Tisch des plumpen Aufreißers.
Der saß noch immer mit dem gleichen, lauernden Gesichtsausdruck
in seiner Ecke. Sie schlug die Augen nieder, beugte sich ein wenig
über den Tisch und stellte den warmen Teller und das Soßenschüsselchen
vor ihm ab. Plötzlich spürte sie eine Berührung an
ihrem rechten Knie. Sie erstarrte und sah erschrocken auf. Der Typ
hielt lässig seine Kaffeetasse in der einen Hand, während
er mit der anderen unter ihren Rock langte.
Das war's! Ohne groß nachzudenken, schlug sie seine Hand von
ihrem Bein, wirbelte herum und stieß ihm das schwere Plastiktablett
gegen die Brust. Lauwarmer Kaffee spritzte durch die Gegend und
auch auf den Typen. Als er vor Schreck ein Stück nach vorn
kippte, rammte sie ihm das Tablett genau unter seinem Adamsapfel.
"Verdammt!", kreischte der Mann außer sich. Sein
großes fleischiges Gesicht war blass geworden unter den unzähligen
Kaffeespritzern, seine blutunterlaufenden Augäpfel zuckten
hin und her. Plötzlich fiel jede Bedrohlichkeit von ihm ab,
plötzlich wirkte er einfach nur noch unglaublich lächerlich.
"Und jetzt sag ich Ihnen was!", brüllte Sydney ihn
an. "Suchen Sie sich in Zukunft ein anderes Restaurant. Und
sollten Sie es doch noch einmal wagen, hierher zu kommen, beschränken
Sie sich gefälligst auf die Dinge, die auf der Karte stehen!"
"Yeah!", rief eine Frau triumphierend von einem der Nebentische.
Andere begannen zu applaudieren, einschließlich Francie, die
näher gekommen war, um ja nichts zu verpassen. Robyn, die neben
der Küche stand, musste lachen und schlug sich dabei die Hände
vors Gesicht.
"Was ist denn hier los?", ertönte da Mr. Terwilligers
Stimme, der aus seinem Büro geschossen kam.
Uuuups! Rasch zog sich Sydney einige Schritte zurück und setzte
ihr Tablett auf einem der anderen Tische ab. Der Typ sprang auf
und rieb sich augenfällig den geschwollenen roten Fleck an
seinem Hals. "Diese Bedienung da hat mich tätlich angegriffen",
keuchte er und zeigte mit dem Finger auf Sydney. "Ich sage
Ihnen, die ist völlig durchgeknallt!"
"Ist das wahr?", fragte Mr. Terwilliger mit Blick auf
seine neue Angestellte.
"Mr. Terwilliger, er wurde zudringlich", begann Sydney.
"In Wahrheit hat er –"
"Haben Sie einen unserer Gäste tätlich angegriffen,
ja oder nein?", fragte ihr Boss lauter. Die Heilbutt-Augen
des Pockennarbigen wanderten
von Sydney zu dem Frettchen und wieder zurück.
Ihr Magen sackte eine Etage tiefer. "Ja, das habe ich, aber
–"
"Ich bedaure, aber ein solches Verhalten seitens unseres Service-Personals
können wir nicht dulden", sagte Terwilliger mit einem
angedeuteten Nicken in Richtung des Widerlings, das wieselhafte
Gesicht in strenge Falten gelegt. "Ich wünsche, dass Sie
gehen."
"Sie meinen ... Ich bin entlassen?", fragte Sydney mit
bebender Stimme. Sie war immer perfekt gewesen, in allem, was sie
getan hatte ... Sie konnte nicht glauben, dass man sie soeben aus
einem Kellnerinnen-Job gefeuert hatte!? Nun, da ihre Wut verflogen
war, fühlte sie sich schwach und erschöpft, und langsam
begriff sie, was sie eigentlich getan hatte. Was ist los mit dir?,
schrie sie sich innerlich zu. Deine Freundin verschafft dir einen
Job, und du verbockst die Sache schon in den ersten Stunden! Damit
hab ich bestimmt 'nen Rekord aufgestellt.
"Mr. Terwilliger, tun Sie das nicht", ließ sich
nun Francie vernehmen und trat einige Schritte vor. "Dieser
Typ hat es schon 'ne ganze Weile darauf angelegt."
Ein paar der anderen Gäste murmelten zustimmend. Robyn starrte
unverwandt zu Boden.
"Das haben Sie nicht zu entscheiden, Francine", erwiderte
Terwilliger nur. Er
umrundete seine Angestellte und drehte ihr einfach den Rücken
zu, als er hinzusetzte: "Ich bin hier der Geschäftsführer
- und jetzt gehen Sie wieder an Ihre Arbeit."
"Verdammt richtig", bemerkte das Arschloch und lehnte
sich selbstgefällig in seiner Sitznische zurück. "Und
ich will jetzt meinen Kaffee, und zwar pronto."
Sydney bemerkte, wie sich Francies Blick verhärtete, während
sie eine Hand zur Faust ballte. Sie kannte diese Zeichen nur zu
gut. Jeden Moment konnte die Freundin ein Stakkato verbaler Hiebe
austeilen, die mit jedem Wort pointierter und leidenschaftlicher
wurden. Und obwohl sie die Loyalität ihrer Freundin sehr zu
schätzen wusste, machte es wenig Sinn, wenn sie am Ende beide
ihren Job verloren.
' Gerade als Francie tief Luft holte, ging Sydney auf sie zu und
legte ihr besänftigend beide Hände auf die Schultern.
"Ist schon in Ordnung", sagte sie und suchte ihren Blick.
"Ich bin eh nicht für diesen Job gemacht." Sie drehte
sich zu Terwilliger um. "Ich lege meine Uniform wieder zurück."
Sie ging in den Personalraum, atmete tief ein, um die Angst niederzukämpfen,
die sie zu erdrücken drohte.
Großartig. Nicht nur, dass sie ihre Freundin vor den Kopf
gestoßen und ihren ersten Job in den Sand gesetzt hatte –
sie stand nun wieder an genau demselben Punkt wie gestern. Was sollte
sie jetzt tun? Sie besaß keinerlei Erfahrung, keine Verbindungen
und keine herausragenden Talente. Und falls nicht ein ganz großer
Glücksfall eintreten sollte, hatte sie keine Perspektive.
Nein, Terwilliger hatte Unrecht. Ich bin für diesen Job keineswegs
wie geschaffen, dachte sie. Sie schluckte hart, als sie ihre Bluse
überstreifte und die formlose Kellnerinnen-Uniform wieder über
den weißen Plastikbügel hängte.
Doch bin ich überhaupt für irgendetwas wie geschaffen?