www.mystery-files.de » Alias Freitag, 30.07.2010 
 DER MYSTERY- UND SCIENCE-FICTION-SERIEN-GUIDE ALIAS 

 ALIAS

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ALIAS - DIE ANWERBUNG
Exklusive Leseprobe
Rechtzeitig zum deutschen TV-Start von ALIAS erscheint bei der vgs, der Marktführerin für TV-Bücher im deutschsprachigen Raum, der erste Roman zur Serie. Nachdem es unter www.vgs.de bereits das erste Kapitel als Vorgeschmack zu lesen gibt, finden Sie jetzt bei uns exklusiv das zweite Kapitel:

"Ich behaupte ja nicht, dass es der beste Arbeitsplatz der Welt ist, aber so schlimm ist's da auch nicht. Ich meine, manche Gäste sind schon ziemlich kotzbrockig, oder schwer von Begriff, oder sie fragen nach idiotischen Sachen wie 'Truthahn-Sandwich ohne Brot' oder so. Aber wirklich, so schlecht ist es auch wieder nicht", plapperte Francie ohne Punkt und Komma, als sie Mittwochnachmittag durch das überfüllte Parkhaus in Downtown kurvten und nach einem freien Einstellplatz suchten.

"Ist ja schon gut, Fran", sagte Sydney, während sie einparkten. "Warum bist du denn so nervös."

Francie zuckte die Achseln. Auf ihrer linken Schulter hob und senkte sich eine dicke Strähne ihres langen, gekräuselten Haares. "Ich weiß nicht. Vielleicht, weil das alles meine Idee war. Ich würde mich verantwortlich fühlen, wenn du die Arbeit am Ende hassen würdest."

Sydney stellte den Motor ab. "Hey, du hast mich schließlich nicht dazu gezwungen. Im Gegenteil, du hilfst mir aus der Patsche. Und das weiß ich wirklich sehr zu schätzen."

"Okay", meinte Francie und hob die Augenbrauen. "Aber wenn dir der Job nicht gefallen sollte, musst du mir versprechen, dass du ihn nicht
mir zuliebe weitermachst, ja?"

"Versprochen", erwiderte Sydney. Angesichts der Tatsache, dass sie keine Erfahrung im Service vorzuweisen hatte, fühlte sie sich bei der Sache alles andere als wohl. Aber andererseits fing jeder ja mal irgendwo an. "Tatsächlich hab ich nicht gerade die freie Job-Auswahl."

Sie stiegen aus dem Wagen, und Sydney verriegelte die Tür ihres brandneuen weißen Ford Mustang. Ein Geschenk ihres Vaters zum Studienbeginn. Ohne fahrbaren Untersatz hatte man an der UCLA so gut wie kein Leben, und ohne die Hilfe ihres Vaters, würde sie jetzt vermutlich eine Schrottkarre von einem "Autohaus" namens "Höker-Heinis unverwüstliche Gebrauchtwagen" fahren. Und dennoch war ihr unwohl bei dem Gedanken, ein solch großzügiges Geschenk angenommen zu haben. Jedes Mal, wenn sie das Auto ansah, musste sie an ihn denken, etwas, das sie sich freiwillig nicht allzu oft erlaubte. Insofern stellte das Auto ein unübersehbare Erinnerung daran dar, wie sehr ihr Vater ihr Leben noch immer kontrollierte – zumindest in finanzieller Hinsicht. Umso wichtiger, dass sie schnellstens einen Job fand.

Sie überquerten die Straße und steuerten auf ein flaches, quadratisches Gebäude mit einer grünweiß gestreiften Markise zu. Auf dem Holzschild über dem Eingang stand in geschwungenen roten Lettern: Les Amis Café.

Als sie durch den Haupteingang traten, atmete Sydney tief ein und schloss die Augen. "Mmmmmm. Gott sei Dank muss ich mich nicht mehr allein von dem Fraß im Wohnheim ernähren. Ich schwöre, ich wäre schon verhungert, wenn du nicht ab und zu was von der Arbeit mitbringen würdest. Riech mal!"

"Ich weiß. Hier gibt's die besten Blintzes und Erdbeerkäsekuchen der Stadt", bemerkte Francie mit einem Lächeln.

"Moment mal! Mir hast du nie Käsekuchen mitgebracht."

"Na ja", Francie verzog schuldbewusst das Gesicht. "Im Grunde schon, aber er hat's nie bis nach Hause geschafft."

"Francine!" ertönte da die Stimme eines Mannes aus dem hinteren Bereich des
Cafés, in dem die Küche und die Büros untergebracht waren. Als der Typ näher kam, konnte Sydney nicht umhin zu denken, dass er aussah wie ein zu groß geratenes Frettchen mit seiner knochigen Statur, dem hageren Gesicht, der langen, schmalen Nase und den winzigen braunen Knopfaugen.

Er trat auf Francie zu und tippte dabei auf das Glas seiner Armbanduhr. "Dreieinhalb Minuten zu spät, Francine." Dann lachte er bitter auf. "Aber wen interessiert das schon, nicht wahr?"

"Sorry, Mr. Terwilliger. Es war 'ne Menge los in der Stadt; viel Verkehr, viele Staus", erklärte Francie rasch, und als sie sein falsches Lächeln bemerkte, fügte sie hinzu: "Das ist meine Freundin Sydney. Ich hatte Ihnen von ihr am Telefon erzählt, Sie erinnern sich?"

Sydney trat einen Schritt vor und streckte dem Mann artig ihre Hand entgegen. "Guten Tag, ich bin Sydney Bristow."

Eifrig ergriff Mr. Terwilliger ihre Rechte und schüttelte sie heftig auf und ab, auf und ab, auf und ab ... "Ja, ja, hallo. Sydney, richtig? Sehr nett, Sie kennen zu lernen. Ja."

Sydney hoffte, dass man ihr die Abscheu nicht ansah, als Mr. Terwilliger seine schlaffe, feuchte Begrüßung über Gebühr in die Länge zog. Jetzt verstand sie, warum sich Francie seit Wochen über ihren Boss beklagte und ihn ein ausgemachtes Arschloch nannte. Tatsächlich hatte Sydney noch nie einen unangenehmeren Zeitgenossen getroffen. Endlich ließ er ihre Hand los und deutete auf eine nahe gelegene Tür.

"Nun, warum besprechen wir nicht alles weitere im Büro?", sagte er. "Sie müssen da noch ein paar Formulare ausfüllen."

"Ich fang dann mal mit meiner Schicht an", sagte Francie mit einem aufmunternden Lächeln zu Sydney. "Komm zu mir, wenn du damit fertig bist."

Sydney betrat das spärlich möblierte, holzvertäfelte Büro und wischte sich dabei verstohlen die Hände an ihrem Leinenshirt ab. Dann nahm sie in einem quietschenden roten Vinylledersessel Platz, während sich Mr. Terwilliger in seinen Bürostuhl hinter dem Schreibtisch plumpsen ließ.

"Dann wollen wir mal", sagte er und schob ihr einen Kugelschreiber sowie einen beidseitig bedruckten Bewerbungsfragebogen herüber. Als sie sich über das Blatt beugte und begann, das Formular auszufüllen, hätte sie eigentlich erwartet, dass Mr. Terwilliger sich nun empfahl, um erst dann
wiederzukommen, wenn sie damit fertig war. Stattdessen blieb er einfach sitzen, schwang in seinem Bürosessel vor und zurück und tippte dazu im Takt mit seinem Kugelschreiber gegen die Tischplatte.

Sydney versuchte, ihn zu ignorieren und sich, so gut es ging, auf die Fragen vor sich zu konzentrieren. Gott sei Dank brauchte sie nicht lange. Den einzigen Job, den sie vorzuweisen hatte, war eine Horror-Nacht als Babysitter bei den drei Kindern ihrer Nachbarn.

"Dann wollen wir mal sehen", murmelte Terwilliger, als sie ihm das Formular zurückschob. "Ausgezeichnete Schulabschlüsse. Ja. Unter den Besten der National-Merit-Anwärter. Sehr schön. Stipendium ..." Er verstummte, seine Züge erschlafften, als er den Rest des Fragebogens überflog. Endlich legte er das Formular beiseite und verschränkte die Finger vor seiner Brust. "Sehe ich das richtig? Sie hatten bis jetzt noch keine Position in der Gastronomie inne?" Er betonte das Wort "Gastronomie", als handele es sich hierbei um etwas so Bedeutungsvolles wie eine Heilmethode gegen den Krebs.

"Ähm, nein", erwiderte Sydney. In ihrem Ohren begann es zu rauschen. "Aber ich hab mal Süßigkeiten im Rahmen einer Spendenaktion meiner Schule verkauft", fügte sie mit einem hoffnungsvollen Lächeln hinzu. Unnötig ihm zu erzählen, dass sie nur zwei Schokoriegel losgeworden war – an sich selbst. "Und ich hab an der Highschool auch ein bisschen Theater gespielt, insofern hab ich also keine Probleme mit kritischen Menschen. Und dann bin ich noch Mitglied des Bruins-Track-Laufteams was beweist, dass ich über Koordinationsvermögen verfüge, richtig?" Sie würde nicht müde, ihr Gegenüber enthusiastisch anzugrinsen, wenngleich sie sich im Geiste auf ein "Danke-aber-nein-Danke" gefasst machte.

"Verstehe. Ja." Mr. Terwilliger entknotete seine Finger und nickte langsam. Wieder vertiefte er sich in ihren Bewerbungsbogen, sah schließlich auf und lächelte. "Nun, Sydney", sagte er. "Ich denke, wir können Sie in unserem Team gebrauchen."

Fassungslos starrte sie in seine hinterlistigen Nagetieräuglein. "Sie meinen, ich habe den Job?"

"Genauer gesagt können Sie schon heute anfangen. Wir sind personell ein wenig
unterbesetzt."

"Heute?" wiederholte sie und blinzelte hektisch. Hatte er ihr den Job soeben wirklich angeboten? Hatte Francie ihn womöglich bestochen oder so?

Mr. Terwilliger erhob sich und durchmaß sein Büro. "Wir haben da noch ein paar Ersatzarbeitsuniformen im Lagerraum. Keine Sorge, die sollten gereinigt sein. Ich möchte, dass Sie sich zunächst von Francie einweisen lassen. Nach ein paar Stunden können Sie dann selbständig arbeiten."

"Das klingt toll", rief Sydney, und ihre Wangen röteten sich vor Freude. Sicher, es war nur ein Kellnerinnen-Job, aber die Tatsache, dass jemand sie einer Anstellung für Wert befunden hatte, dass jemand (und wenn es auch nur ein menschliches Frettchen war) es mit ihr versuchen wollte, erfüllte sie mit einem unerwarteten Gefühl von Stolz. Dem Herr sei Dank für Francie.

Sydney setzte sich in Bewegung und schüttelte ihrem neuen Boss das klamme Händchen. "Danke. Vielen Dank."

Mr. Terwilliger öffnete die Bürotür und deutete in den Gastraum. "Sie haben vielleicht nicht besonders viel Berufserfahrung, aber ich hab ein gutes Gefühl, was Sie betrifft, Sydney. Ich denke, schon bald werden Sie feststellen, dass Sie für diesen Job wie geschaffen sind."

Fünf Stunden später versteckte sich Sydney hinter dem gigantischen, stählernen Kaffeeautomaten des Restaurants.

"Wie schaffst du das nur, Fran?", wisperte sie ihrer Freundin und Kollegin zu, wobei sie sich die schmerzenden Füße massierte. Obwohl Francie überaus geduldig und hilfsbereit gewesen war und Mr. Terwilliger sie vom Stand weg engagiert hatte, beschlich Sydney langsam, aber sicher das Gefühl, dass sie für diesen Job mitnichten wie geschaffen war.

"Nun", begann Francie, "ich trage für diese Arbeit zum Beispiel keine Stöckelschuhe." Sie musterte ihr Spiegelbild in der glänzenden Metallverkleidung der Kaffeemaschine und zupfte ihren Pferdeschwanz und den Kragen ihrer pinkfarbenen Pepto-Bismol-Uniform zurecht. "Du musst dir unbedingt ein paar bequeme Schuhe zulegen."

"Hey, ich hatte mich für ein Bewerbungsgespräch angezogen, Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich unmittelbar danach schon mit der Arbeit beginnen würde", gab Sydney zurück und wechselte von einem Bein aufs andere.
"Außerdem hab ich das nicht gemeint. Was ich wissen wollte, war, fühlst du dich niemals –" Sie rang um die rechten Worte.

"Megagestresst?", beendete Francie den Satz für sie. "Klar, die ganze Zeit. Aber keine Sorge, Sydney, du machst dich prima. Man braucht 'ne Weile, um seine Beine in den Griff zu kriegen, aber danach läuft's dann, als ob du 'nen Autopilot eingeschaltet hättest." Sie klopfte Sydney aufmunternd auf die Schulter und kümmerte sich dann wieder um die korrekte Dosierung des kolumbianischen Kaffeepulvers.

Es ist nur ein Job, dachte Sydney, als sie wieder in ihre Schuhe schlüpfte. Eine Chance, mich von Dad unabhängig zu machen, mich finanziell auf eigene Füße zu stellen. Falls meine Füße diesen ersten Arbeitstag überstehen ...

"Ist der Kaffee bald mal fertig?", blaffte ein Mann von einem nahe gelegenen Tisch in ihre Richtung.

"Kommt sofort, Sir", rief Francie zurück und lächelte ihn höflich an. Dann beugte sie sich zu Sydney herüber und murmelte: "Mir scheint, der Typ sollte langsam mal zu Kaffee Hag wechseln, was meinst du?"

"Allerdings", bestätigte Sydney, und Bewunderung schwang in ihrer Stimme mit.

Sah man Francie zu, dann erschien der Job fast wie ein riesengroßer Spaß. Tatsächlich hatte Sydney in den letzten Stunden eine gehörige Portion Respekt vor ihrer Freundin gewonnen. Francie witzelte mit den Gästen herum und lauschte deren Geschichten mit ehrlichem Interesse. Sie kannte sogar einige der Stammbesucher beim Namen. In den ersten beiden Stunden war Sydney ihr nicht
von der Seite gewichen und hatte gelernt, wie man den normalen vom entkoffeinierten Kaffee unterschied (rote beziehungsweise blaue Dose!), wie man Bestellungen so notierte, dass der Koch sie auch lesen konnte, und wie man die grünen Stoffservietten korrekt faltete. Sie hatte sich sogar den typischen Singsang angewöhnt, mit dem Francie ihre Begrüßung unterlegte: "Hallo, ich heiße Sydney, und ich bin ihre persönliche Bedienung. Könnte ich Sie vielleicht für einen unserer preisgekrönten Appetizer erwärmen?" Doch irgendwie fiel es ihr schwer, Francies unerschütterliche gute Laune an den Tag zu legen.

"Und? Wie macht sich unsere Neue?"

Sydneys Kopf ruckte herum, und ihr Blick fiel auf ihre Kollegin Robyn, eine magere Rothaarige mit schwerem texanischen Akzent. Sie schob eine Bestellung in die Durchreiche zur Küche. "Wette, du stehst kurz vor 'nem Kollaps, richtig?"

"Sie schlägt sich tapfer, nicht wahr, Syd?", fragte Francie und stieß Sydney mit dem Ellbogen an. "In den letzten Stunden hat sie die vorderen Tische ganz allein geschmissen. Sie ist ein Naturtalent."

"Ist das wahr?", fragte Robyn, während sie einige Gläser mit Mineralwasser auf ihr Tablett lud. "Waren denn alle nett zu dir?"

Sydney nickte. "Im Großen und Ganzen, ja."

"Also, wenn dir mal so richtig langweilig ist, mach es einfach so wie ich." Sie hob das Tablett über ihren Kopf und wandte sich wieder dem Gastraum zu. "Versuch einfach zu erraten, was die Leute bestellen, noch bevor sie's dir gesagt haben. Ist nicht ganz wie 'Glücksrad', aber es hilft." Sie drehte sich um und ging davon.

"Danke, werd's versuchen", rief Sydney ihr hinterher. Dann nahm sie ihr eigenes Tablett wieder auf und lächelte Francie zu. "Nun, dann
werde ich mich mal wieder an die Arbeit machen."

"Nur noch drei Stunden", sagt Francie und nickte zuversichtlich.

Sydney ging zurück in den ihr zugewiesenen Bereich, bereit für einen neuen Anlauf. Sie schaffte es tatsächlich, das Hämmern in ihren Füßen zu ignorieren, als sie einem Mann an der Bar einen weiteren Kaffee einschenkte, organisierte einen sauberen Hochsitz für das zappelige Kleinkind eines jungen Paares und trug das angeblich verkochte Fischgericht eines Gastes wieder zurück in die Küche.

Gerade als sie sich für eine weitere Pause hinter die riesige Kaffeemaschine zurückziehen wollte, schwang die Eingangstür auf, und die Silhouette eines Mannes vor der untergehenden Sonne erschien auf der Schwelle. Er steuerte direkt auf eine der Sitznischen im vorderen Bereich zu, für die Sydney zuständig war. Sie sah ihn aufmerksam an und versuchte, sich Robyns Rat zu Herzen zu nehmen. Was mochte er wohl bestellen? Der Mann war knochig gebaut, hatte lichtes, blondes Haar und ein breites, pockennarbiges Gesicht. Mit Sicherheit einer dieser Fleisch-und-Kartoffel-Kandidaten, vermutete sie. Und anschließend wird er alles mit einem kalten Bier runterspülen wollen.

Als Sydney auf ihn zutrat, hob der Mann den Kopf und starrte sie aus wässrigen blauen Augen an. Als sie ein Glas Wasser vor ihm abstellte und die Karte daneben legte, taxierte er sie unverhohlen von oben bis unten.

"Hallo, ich heiße Sydney, und ich bin ihre persönliche Bedienung. Könnte ich Sie vielleicht für einen unserer preisgekrönten Appetizer erwärmen?"

"Klar", sein Blick wanderte über ihren Körper, "für so einen Appetizer lasse ich mich gern erwärmen, Puppe." Er lächelte anzüglich.

"Vielleicht einige heiße –" fuhr sie mit gepresster Stimme fort.

"Sicher, ich steh auf heiße Sachen."

"- Shrimp-Quesadillas?"

"Ich sag dir was, Cindy." Er schlug die Menükarte zu, lehnte sich ein wenig zu ihr
vor und senkte seine Stimme. "Warum bringst du mir nicht erst mal 'nen Kaffee, und dann besprechen wir, was ich will."

Sydneys Wangenmuskeln schmerzten unter dem erzwungenen Dauerlächeln. "Wie Sie meinen, Sir", erwiderte sie schnell und marschierte zurück zur Theke.

"Entschuldigt, Leute, aber wie sauer – ich meine, auf einer Skala von eins bis zehn – würde Mr. Terwilliger werden, wenn ich einem seiner Gäste ein Glas Eiswasser in den Schoß kippen würde?"

"Was? Von wem redest du?", fragte Francie, während ihr Blick über die Tische flog.

"Von dem Penner da drüben in der Ecke."

Francie und Robyn verrenkten sich fast die Hälse, und dann rissen sie im gleichen Moment fassungslos die Augen auf.

"Ach du liebe Güte", sagte Francie und schüttelte den Kopf. "Diesen Typen kenne ich; der ist echt übel. Süße, tut mir Leid, wenn ich ihn hätte reinkommen sehen, hätte ich den für dich übernommen."

"Armes Kind", murmelte Robyn. "Unglaublich, dass du schon an deinem ersten Tag an dieses Arschloch geraten musst."

"Ich kennt ihn also?"

"Leider, ja", erwiderte Francie und verdrehte die Augen. "Er kommt oft hierher. Schlägt dann meist bis zu einem halben Tag Wurzeln an einem der Tische und schikaniert die Bedienung. Als ob er daraus irgendwie seine Daseinsberechtigung zieht."

"Habt ihr Terwilliger davon erzählt?"

Robyn schnaubte verächtlich. "Das kannst du vergessen. Zum einen hat unser lieber Boss wahrscheinlich viel zu viel Schiss, um sich mit diesem Typen anzulegen, zum anderen macht der Idiot am Ende immer 'ne dicke Rechnung.
Und nur daran ist Terwilliger wirklich interessiert."

"Soll ich ihn übernehmen?", fragte Francie und machte Anstalten, auf den Mann zuzugehen. "Ich kenne diesen Blödmann immerhin zur Genüge."

"Nein!" Sydney packte sie am Arm und zog sie zurück. "Das wäre nicht fair. Ich hab gerade mal ein paar Sitznischen und ein paar Leute an der Bar zu bedienen, während jede von euch fast das halbe Restaurant betreuen muss."

In diesem Moment krakeelte eine Stimme durch den Raum. "Hey, Cindy! Ich wollte den Kaffee sofort, Puppe, nicht erst Weihnachten!"

Francie und Robyn bedachten Sydney mit einem mitfühlenden Blick.

"Keine Sorge", sagte diese, während sie eine große, braune Tasse mit Kaffee füllte. "Ich komm schon klar mit ihm."

Sie zauberte ein freundliches, und wie sie hoffte, nicht zu freundliches Lächeln auf ihr Gesicht, und ging wieder zurück an den Tisch des Rüpels. "Bitte schön." Sie setzte die Tasse vor ihm ab. "Was kann ich sonst noch für Sie tun?", fragte sie und zückte ihren Bestellblock.

Der Mann blinzelte ihr zu. "Wie wär's mit deiner Telefonnummer für den Anfang?"
Sie umklammerte den Notizblock ein wenig fester und holte tief Luft. "Wie wäre es mit einer unserer hausgemachten Suppen?", schlug sie vor. Ruhig bleiben, beschwor
sie sich, vergiss nie, dass du nicht gut genug bezahlt wirst, um dich mit diesem Abschaum rumzuärgern. "Wir haben Kartoffeleintopf, Hühnersuppe, Gazpacho -"

"Wie wär's mit ein paar knackigen Schenkeln", unterbrach er sie mit einem schmierigen Lächeln. "Was ich damit sagen will, ich nehme die Honig-Barbecue-Hähnchenschenkel. Und zieh am Draht, Puppe. Bin schließlich ein guter Kunde hier."

Einfach grinsen und Maul halten, sagte sie sich, als sie den Bestellzettel in die Küchendurchreiche schob. Ignoriere den Typen und seine widerlichen Bemerkungen und mach deinen Job.

Als das Essen fertig war, belud Sydney ihr Tablett, holte tief Luft und ging zurück an den Tisch des plumpen Aufreißers. Der saß noch immer mit dem gleichen, lauernden Gesichtsausdruck in seiner Ecke. Sie schlug die Augen nieder, beugte sich ein wenig über den Tisch und stellte den warmen Teller und das Soßenschüsselchen vor ihm ab. Plötzlich spürte sie eine Berührung an ihrem rechten Knie. Sie erstarrte und sah erschrocken auf. Der Typ hielt lässig seine Kaffeetasse in der einen Hand, während er mit der anderen unter ihren Rock langte.

Das war's! Ohne groß nachzudenken, schlug sie seine Hand von ihrem Bein, wirbelte herum und stieß ihm das schwere Plastiktablett gegen die Brust. Lauwarmer Kaffee spritzte durch die Gegend und auch auf den Typen. Als er vor Schreck ein Stück nach vorn kippte, rammte sie ihm das Tablett genau unter seinem Adamsapfel.

"Verdammt!", kreischte der Mann außer sich. Sein großes fleischiges Gesicht war blass geworden unter den unzähligen Kaffeespritzern, seine blutunterlaufenden Augäpfel zuckten hin und her. Plötzlich fiel jede Bedrohlichkeit von ihm ab, plötzlich wirkte er einfach nur noch unglaublich lächerlich.

"Und jetzt sag ich Ihnen was!", brüllte Sydney ihn an. "Suchen Sie sich in Zukunft ein anderes Restaurant. Und sollten Sie es doch noch einmal wagen, hierher zu kommen, beschränken Sie sich gefälligst auf die Dinge, die auf der Karte stehen!"

"Yeah!", rief eine Frau triumphierend von einem der Nebentische. Andere begannen zu applaudieren, einschließlich Francie, die näher gekommen war, um ja nichts zu verpassen. Robyn, die neben der Küche stand, musste lachen und schlug sich dabei die Hände vors Gesicht.

"Was ist denn hier los?", ertönte da Mr. Terwilligers Stimme, der aus seinem Büro geschossen kam.

Uuuups! Rasch zog sich Sydney einige Schritte zurück und setzte ihr Tablett auf einem der anderen Tische ab. Der Typ sprang auf und rieb sich augenfällig den geschwollenen roten Fleck an seinem Hals. "Diese Bedienung da hat mich tätlich angegriffen", keuchte er und zeigte mit dem Finger auf Sydney. "Ich sage Ihnen, die ist völlig durchgeknallt!"

"Ist das wahr?", fragte Mr. Terwilliger mit Blick auf seine neue Angestellte.

"Mr. Terwilliger, er wurde zudringlich", begann Sydney. "In Wahrheit hat er –"

"Haben Sie einen unserer Gäste tätlich angegriffen, ja oder nein?", fragte ihr Boss lauter. Die Heilbutt-Augen des Pockennarbigen wanderten
von Sydney zu dem Frettchen und wieder zurück.

Ihr Magen sackte eine Etage tiefer. "Ja, das habe ich, aber –"

"Ich bedaure, aber ein solches Verhalten seitens unseres Service-Personals können wir nicht dulden", sagte Terwilliger mit einem angedeuteten Nicken in Richtung des Widerlings, das wieselhafte Gesicht in strenge Falten gelegt. "Ich wünsche, dass Sie gehen."

"Sie meinen ... Ich bin entlassen?", fragte Sydney mit bebender Stimme. Sie war immer perfekt gewesen, in allem, was sie getan hatte ... Sie konnte nicht glauben, dass man sie soeben aus einem Kellnerinnen-Job gefeuert hatte!? Nun, da ihre Wut verflogen war, fühlte sie sich schwach und erschöpft, und langsam begriff sie, was sie eigentlich getan hatte. Was ist los mit dir?, schrie sie sich innerlich zu. Deine Freundin verschafft dir einen Job, und du verbockst die Sache schon in den ersten Stunden! Damit hab ich bestimmt 'nen Rekord aufgestellt.

"Mr. Terwilliger, tun Sie das nicht", ließ sich nun Francie vernehmen und trat einige Schritte vor. "Dieser Typ hat es schon 'ne ganze Weile darauf angelegt."

Ein paar der anderen Gäste murmelten zustimmend. Robyn starrte unverwandt zu Boden.

"Das haben Sie nicht zu entscheiden, Francine", erwiderte Terwilliger nur. Er
umrundete seine Angestellte und drehte ihr einfach den Rücken zu, als er hinzusetzte: "Ich bin hier der Geschäftsführer - und jetzt gehen Sie wieder an Ihre Arbeit."

"Verdammt richtig", bemerkte das Arschloch und lehnte sich selbstgefällig in seiner Sitznische zurück. "Und ich will jetzt meinen Kaffee, und zwar pronto."

Sydney bemerkte, wie sich Francies Blick verhärtete, während sie eine Hand zur Faust ballte. Sie kannte diese Zeichen nur zu gut. Jeden Moment konnte die Freundin ein Stakkato verbaler Hiebe austeilen, die mit jedem Wort pointierter und leidenschaftlicher wurden. Und obwohl sie die Loyalität ihrer Freundin sehr zu schätzen wusste, machte es wenig Sinn, wenn sie am Ende beide ihren Job verloren.

' Gerade als Francie tief Luft holte, ging Sydney auf sie zu und legte ihr besänftigend beide Hände auf die Schultern. "Ist schon in Ordnung", sagte sie und suchte ihren Blick. "Ich bin eh nicht für diesen Job gemacht." Sie drehte sich zu Terwilliger um. "Ich lege meine Uniform wieder zurück."

Sie ging in den Personalraum, atmete tief ein, um die Angst niederzukämpfen, die sie zu erdrücken drohte.

Großartig. Nicht nur, dass sie ihre Freundin vor den Kopf gestoßen und ihren ersten Job in den Sand gesetzt hatte – sie stand nun wieder an genau demselben Punkt wie gestern. Was sollte sie jetzt tun? Sie besaß keinerlei Erfahrung, keine Verbindungen und keine herausragenden Talente. Und falls nicht ein ganz großer Glücksfall eintreten sollte, hatte sie keine Perspektive.

Nein, Terwilliger hatte Unrecht. Ich bin für diesen Job keineswegs wie geschaffen, dachte sie. Sie schluckte hart, als sie ihre Bluse überstreifte und die formlose Kellnerinnen-Uniform wieder über den weißen Plastikbügel hängte.

Doch bin ich überhaupt für irgendetwas wie geschaffen?


Aus Alias 1
Die Anwerbung

Von Lynn Mason
© Egmont vgs Verlagsgesellschaft, Köln 2003

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